Interview mit Florian Nadvornik

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Florian Nadvornik (c) privat

-Sie sind professioneller Notensetzer. Welche Ausbildung haben Sie durchlaufen?

Ich habe Musik und Philosophie als Lehramt studiert, Musik ist für die Tätigkeit des Notensetzers dabei der entscheidende Teil. Darüber hinaus habe ich lange Zeit Klavier gespielt, Kammermusik gemacht, Chöre geleitet und war kirchenmusikalisch aktiv. Außerdem habe ich einen Hang zur Wissenschaft, das heißt ein großes Interesse an Beobachtung, Analyse und theoretischen Überlegungen, die auch damit zu tun hatten, Notentexte kritisch zu betrachten. Über deren Stärken und Schwächen habe ich früher intuitiv nachgedacht, auch wenn ich damit keine engere professionelle Betätigung verbunden habe. Das Lehramtsstudium Musik zielt nicht direkt auf den Beruf des Notengrafikers ab. Trotzdem war für mich das Studium der praktischen Musik, Musikwissenschaft und -theorie eine notwendige Vorbedingung für die Ausübung des Berufs. Sicher wäre es auch ohne institutionelles Musikstudium, also den Besuch einer Hochschule, gegangen. Aber man muss sich vor einer professionellen Notengrafiker-Tätigkeit unabdingbar viele Jahre tiefgreifend mit Noten auseinandergesetzt haben, und zwar wie ich es sehe sowohl praktisch musizierend als auch wissenschaftlich.

-Welche musikalischen Kenntnisse halten Sie für entscheidend für den Beruf des Notensetzers?

Um das Notenmaterial in angemessener Weise durchdringen zu können, ist es natürlich zunächst wichtig, Noten lesen und schreiben zu können. Die Bedeutung des Notenbildes muss sich einem im großen und Ganzen als auch im Detail erschließen. Dafür muss man Kenntnis von der Notation von Tonhöhen, -dauern, von Rhythmus und Tempo haben. Man muss unterscheiden können, welche Informationen, die ja ein Notenbild immer bereitstellt, über- und untergeordnet sind, damit man ihnen den richtigen Platz zuweisen kann, denn die klare Struktur und Anordnung sind entscheidend. Bei Texten, die ja neben Noten auch ständig vorkommen, führt das unter anderem zur richtigen Auswahl von Größe, Schriftart und -schnitt. Alle wichtigen musikalischen Zeichen müssen in ihrer Bedeutung bekannt sein. Es gibt immer wieder Neues, mit dem man konfrontiert wird. Dieses Neue muss analysiert und in die bestehende logische Struktur sinnvoll integriert werden. Ganz bestimmt ist es von größtem Vorteil, jederzeit eine Vorstellung davon zu haben, wie notiertes Notenmaterial klingt. Es ist gut, wenn man sich in das gesamte Werk hineinversetzen kann, um konkrete musikalische Verläufe besser verstehen zu können. Mir hat bei dieser schwierigen Aufgabe das Studium von Analyse und Theorie
viel geholfen.

-Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?

1.) Meine Liebe zur Gestaltung und zum Detail ausleben zu können, hier auf grafischer Ebene, und dabei mitten in der Musik drin zu sein.
2.) Die Gratwanderung, musikalische Sätze (Grafiken) so zu gestalten, dass sie einerseits in höchstem Maß praktikabel sind und andererseits ästhetisch anspruchsvoll. Beides scheint sich oft zu widersprechen, hat aber eigentlich große Schnittmengen. Beides als Maxime sehen und darin besser werden können.
3.) Dass ich, wenn ich zeitgenössische Werke setze, ganz nah dran bin am aktuellen musikalischen Geschehen.

-Was unterscheidet den professionellen Notensatz vom Hobbysetzer?

Der geschulte und geübte Blick für das, was einen Notensatz praktikabel macht. Es soll dem Musiker leicht gemacht werden, musikalische Zusammenhänge zu erfassen. Dadurch, dass man sich hauptsächlicher und daher intensiver, öfter und seit längerer Zeit mit der Materie auseinandersetzt, kann man aus den Lehren einer größeren Erfahrung schöpfen. Man ist näher an den Erfordernissen dran.

-Welche Feinheiten sind Ihnen besonders wichtig?

Alle wichtigen Feinheiten, die dazu beitragen, ein Notenbild auch nach längerer Beschäftigung qualitätvoll erscheinen zu lassen. Ziel ist eine ausgewogene Struktur des Satzes, gute Proportionen der grafischen Elemente zueinander. Einerseits sind das grundsätzliche
Überlegungen zu Proportionen, Abstände von Schlüsseln, Linien, Seitenrändern usw., die den „Rohbau“ eines Satzes von vornherein gut machen. Dazu bedarf es vieler Detailentscheidungen, die sich ihrerseits auf viele Phänomene gleichzeitig auswirken. Die darauf aufbauende Arbeit hält weitere Detailentscheidungen bereit, die alles Mögliche betreffen können: jegliche individuell zu platzierende Elemente. Dazu gehören z. B. die individuelle Gestaltung von Bögen, die Neigung, Länge und Dicke von Balken, intelligente
Stimmführung, Auswahl von Schriften.

-Welche Musik setzen Sie am liebsten und was fällt Ihnen schwer?

Am liebsten setze ich anspruchsvolle, zeitgenössische Musik. Einen besonderen Aspekt bildet außerdem die Beschäftigung mit der Musik von Komponisten, die ich schon ein wenig kennengelernt habe. Denn es ist schön zu beobachten, wie bekannte Denkweisen auf neues Material angewendet werden. Aber auf jeden Fall mag ich es, immer wieder Neues zu entdecken, und ich habe Lust, für noch unbekannte Aufgaben gute Lösungen zu entwickeln. Eher schwer tue ich mich mit Kompositionen, die nicht gut durchdacht sind oder mit uninspirierter, zu trivialer Musik.

-Wenn Sie die Uhr zurückdrehen könnten, was würden Sie ändern, wenn Sie in die Zukunft schauen, was wünschen Sie sich?

a) Wenn ich früher gewusst hätte, dass ich Notensetzer werden würde, hätte ich mich natürlich früher gezielt in dieser Hinsicht entwickeln bzw. fortbilden wollen. Es ist zwar auch so gut, denn
meine frühere praktische Musikausübung, wissenschaftliche Betätigung und das Schulmusikstudium haben mir diesen Weg ermöglicht. Aber ich hätte selbstverständlich nichts dagegen gehabt, mich noch früher theoretisch und praktisch mit dem Beruf des Notensetzers auseinaderzusetzen sowie Kenntnisse z. B. von professionellen Notensetzern und -stechern in Anspruch zu nehmen.

b) Zukunft: ich wünsche mir, dass ich möglichst lange, sehr gerne für immer beim Notensatz zu bleiben. Das möchte ich beruflich auch weiterhin machen und mich darin weiterentwickeln. Ich freue mich noch auf viele spannende Projekte und am Puls der musikalischen Entwicklung unserer Zeit zu sein.