Verlag ja oder nein – Timo Ruttkamp im Gespräch

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Timo Ruttkamp

Für junge Komponisten stellt sich heute die Frage, ob ein Verlag sinnvoll ist, da durch pdf und Internet auch die eigene Verbreitung möglich ist.

Der Komponist Timo Ruttkamp hat sich entschieden, Werke beim Gravis Verlag verlegen zu lassen und schildert seine Erfahrungen. Als Kleinverlag schätze er diesen Verlag besonders, da dieser sich ausschließlich auf zeitgenössische Musik konzentriere: “Gravis ist zwar klein, ist aber ein ausschließlicher Neue Musik Verlag. … Das sehe ich auch durch meine Arbeit, dass bei den großen Verlagen Neue Musik kaum eine Rolle spielt.” Dagegen kümmere sich ein Kleinverlag eher um seine Autoren, da das zeitgenössische Repertoire im Mittelpunkt stehe. So betreibe der Verlag neben einer neuen Facebook-Seite mit Informationen über aktuelle Autoren auch mit ISSUU eine Plattform, wo die Partituren eingesehen werden können.

Im Gegensatz zu einem Pauschalvertrag werden die Werke einzeln lizensiert, obwohl Timo Ruttkamp gleich sechs Werke auf einmal zum Verlag gegeben hat: “Im ersten Vertrag haben die mir gleich sechs Werke abgenommen, darunter auch alle Genres und zwei Orchesterwerke.”

Auch ein Orgelstück ist beim Verlag Gravis herausgekommen, “Farbenblind” für Orgel solo. Dieses Werk besticht durch besondere Notationsformen. “Normalerweise bin ich kein Fan von freier Space Notation. Aber beim Komponieren ist mir die Notation mit der Idee zusammen eingefallen. Gerade der Anfang entspricht dem, was ich musikalisch mitteilen möchte.” Die Musik ist zu Beginn im Rhythmus frei. Im weiteren Verlauf fällt eine einstimmige Passage ins Auge, die eine Klangmodulation durch Registerwechsel enthält. Gerade für die Orgel sei eine offene Notation teilweise sinnvoll. Für die variablen Instrumente ließen sich auch wegen der entsprechenden Akustik exakte Rhythmen nur bedingt notieren.

Die Musik ist kaleidoskopartig. Sie besticht durch immer neue Farben – Rhythmus und Klangfarbe verschmelzen miteinander und verzaubern durch ein faszinierendes Wechselspiel. Die Paradoxie im Titel stört den Komponisten nicht: “Eine farbenreiche Orgel kann das wunderbar ausschöpfen, so dass man quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.”  Für den Komponisten würden die vielen Farben dadurch quasi eine Art “Farbblindheit” beim Hören erzeugen.

Das Gespräch wurde Ende 2015 geführt, es interviewte Dominik Susteck.

https://soundcloud.com/ruttkamp/timo-ruttkamp-farbenblind